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Individualismus x KI
Was, wenn das tiefere Risiko nicht darin liegt, dass KI uns ersetzt, sondern dass sie still unsere Autorschaft übernimmt?
Wird KI mich ersetzen?
Das ist zugleich eine richtige und eine falsche Frage. Vielleicht wäre es treffender zu fragen: Wird KI meine Individualität auslöschen?
Vermutlich nimmt KI dir deinen Job nicht komplett weg. Das Sprichwort lautet schließlich: „KI ersetzt dich nicht, aber jemand, der KI benutzt, tut es vielleicht.“ Sollen wir also einfach alle KI für alles einsetzen? Macht sie uns zu Dingen fähig, die bisher unmöglich waren?
Vielleicht. Aber beide Blickwinkel greifen zu kurz. Die eigentliche Gefahr reibungsloser KI liegt für mich darin: Sie ersetzt dich nicht unbedingt. Sie glättet womöglich deine Individualität.
Sowohl psychedelische Erfahrungen als auch meditative Praxis können das Selbst, das Ego, auflösen. Die Wirkung selbst starker Psychedelika endet irgendwann wieder.
Im Buddhismus wie im Hinduismus sind Mitgefühl, Dienst und Rückkehr in die Gesellschaft grundlegende Elemente. Ein Verlust des Selbst ohne Rückkehr ist keine Erleuchtung, sondern Pathologie.
Auch KI kann Entscheidungsfindung glätten. Sie reduziert Reibung, senkt Fehlerquoten und macht das, indem sie Mikro-Reibungen entfernt: Zögern, Unsicherheit, Geschmacksbildung und sogar Scheitern.
Unsere menschliche Individualität ist kein fixer Wesenszug. Sie hängt von persönlicher Anstrengung und innerem wie äußerem Widerstand ab. Systeme, egal ob technologisch oder politisch, die diese Reibungen wegoptimieren, befreien uns nicht. Sie formen uns um.
Persönlicher Sinn und damit Individualität entstehen aus Wahl, Scheitern und erneutem Versuchen. Es kann entlastend wirken, das auszulagern. Anfangs fühlt es sich vielleicht hilfreich an. Auf Dauer kann es Autorschaft jedoch aushöhlen.
Hast du entschieden oder die KI? Hast du das gemacht oder die KI? Wer bist du in diesem Prozess?
Das Schwierige ist: KI nimmt Wahl nicht einfach weg. Sie empfiehlt, prägt vor und stupst an. Genau das macht diesen Umgang so effizient, geführt und von außen steuerbar.
Daraus könnte eine Art Hive-Mind-Mentalität entstehen: Komfort ohne Wahl, Frieden ohne Dissens, Harmonie ohne Unterschied. Kommt dir bekannt vor?
Die eigentliche Gefahr ist nicht Tyrannei. Es ist Betäubung.
Wir sollten also nicht primär Jobverlust oder den Kollaps von Kreativität fürchten. Wir sollten Verlust kognitiver Textur, Verlust von Widerspruch und Verlust inneren Widerstands fürchten. Das könnte zu einer Gesellschaft führen, die klug klingt, schnell handelt und ausgerichtet wirkt, aber deutlich weniger denkt.
Psychedelika verlangen Pausen zur Integration. Meditation verlangt gute Führung.
Brauchen wir Reibung im Umgang mit KI? Brauchen wir bewusst gesetzte Unterbrechungen?
Die Gefahr der KI liegt nicht in ihrer bloßen Nutzung. Sie liegt in ihrer unreflektierten, friktionslosen Nutzung. Ich lehne KI nicht ab. Ich plädiere für ihren absichtsvollen Gebrauch.
Sie sollte Urteilskraft verstärken, nicht ersetzen. Die Zukunft wird nicht besser, wenn klügere Maschinen das Denken übernehmen. Sie wird besser, wenn wir Autorinnen und Autoren unseres eigenen Denkens bleiben.
Ab welchem Punkt wird Unterstützung still zu Autorschaft?