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Wenn Werkzeuge zurückgeben, was sie einmal genommen haben
Eine persönliche Geschichte über Kompetenzverlust, Werkzeugabhängigkeit und eine unerwartete Rückkehr.
Ich erzähle kurz etwas aus meinem Hintergrund. HTML und CSS habe ich vor etwa 30 Jahren gelernt. Das Web steckte noch in den Kinderschuhen.
Ein paar Jahre lang habe ich mit diesen Fähigkeiten vergleichsweise einfache Websites gebaut. Damals arbeitete ich in einer Internetagentur, und die Projekte wurden zunehmend komplexer, zu groß für Einzelarbeit. Ich bewegte mich stärker in eine Designrolle hinein, was ohnehin mein erlernter Hintergrund war, und ein Entwickler übernahm den Code.
Irgendwann verließ ich die Agentur und machte mich selbstständig. Plötzlich musste ich wieder Design und Code zugleich machen. Ich hatte jahrelang keine komplette Site mehr programmiert und die neuen Entwicklungen und Workflows nicht mehr verfolgt. Entsprechend fühlte ich mich außerstande, diese Sites selbst zu coden. Ich wechselte zu visuellen Lösungen, zu Apps, die den Code für mich erzeugten. Die resultierenden Websites waren brauchbar, meine Kunden waren zufrieden.
Die Software war allerdings schwerfällig, langsam und der erzeugte Code alles andere als optimal. Also wechselte ich noch einmal – diesmal zu einer SaaS-Lösung. Das erlaubte mir, eine Website in Echtzeit zu bearbeiten: Jede Änderung war sofort sichtbar, ohne Export, Reload und Trial-and-Error.
Der große Nachteil: Der Anbieter hostete die Website zugleich. Sie „lebte“ auf seinen Servern. Die Preise stiegen, Leistungen, die früher kostenlos waren, wurden plötzlich extra berechnet. Meine Abo-Kosten wuchsen, und es fühlte sich an, als würden meine Websites als Geiseln gehalten.
Ich wollte wieder selbst hosten. Um die Sites auf meinen Server zu bringen, musste ich den Code exportieren – und sah ihn dabei zum ersten Mal seit langer Zeit wieder in seiner Gesamtheit.
Mein Workflow bestand nun aus Exportieren, auf den eigenen Server laden, zurück in die SaaS gehen, weiter bearbeiten, erneut exportieren. Es war nicht einfacher als früher.
Gleichzeitig schien KI immer unausweichlicher zu werden. Also begann ich, sie für Website-Builds zu testen. Das bedeutete eine Rückkehr zu einem visuellen, grafischen Ansatz. Ich gestaltete Seiten ähnlich wie Druckseiten, und die KI erzeugte daraus den Code. Das funktionierte gut und brachte mich seltsam zurück in jene Designer-plus-Coder-Tage.
Mein HTML/CSS-Hintergrund war dabei enorm hilfreich, weil ich den Code lesen und beurteilen konnte, wie sauber und belastbar er war. Mit der Zeit benutzte ich KI vor allem als Gerüstbauerin, als Werkzeug für die Grundstruktur. Die Feinarbeit machte ich immer häufiger wieder von Hand.
Dann passierte etwas Interessantes: Immer mehr Wissen kam zurück.
Mit dem Wissen kam auch Selbstvertrauen zurück. Ich brauchte KI immer weniger.
Die letzte Website habe ich von Hand codiert. Ich fragte die KI nur noch zweimal zu sehr spezifischen Befehlen. Aus der codernden Mit-Arbeiterin wurde eine Kollegin, die ich punktuell etwas fragen kann. Am interessantesten war für mich, dass ich am Ende sogar schneller von Hand war als mit KI als Co-Coderin. In längeren Threads verfingen wir uns oft. Die KI begann zu kreisen, Fehler erneut einzubauen, nicht mehr präzise zu verstehen, was ich wollte. Je länger der Thread, desto ungenauer wurde sie.
Wir alle lesen ständig darüber, dass KI unsere Fähigkeiten abbaut. „Use it or lose it“ drängt sich auf. Für mich fühlt es sich inzwischen eher so an: Nutze es, sonst liegt es brach. Die große Überraschung war für mich die Reaktivierung einer schlafenden Fähigkeit durch KI.